Telefonat mit dem Werderschen Markt

Der Tag der Abreise ist gekommen. Am Vormittag rufe ich noch im Auswärtigen Amt an. Ich wollte mich auf eine sogenannte „Krisenvorsorgeliste“ setzen lassen. Deutsche Staatsbürger, die in IMG_1685Krisenregionen reisen, werden auf einer Liste geführt, hatte ich gehört. In der Warteschleife läuft der Anfang von Beethovens 9. Sinfonie, „Freude schöner Götterfunken“ bis ein Sachbearbeiter meinen Anruf entgegennimmt. „Ja, die Liste gibt es“, bestätigt er. Als ich ihm das Reiseziel „Somaliland“ nenne, schlägt seine Stimme ins Skeptische um: „Wissen Sie, in Ländern wo es keine diplomatische Vertretung gibt, gibt es auch keine Liste.“ „Und was kann ich jetzt machen?“ Er riet mir, der nächstgelegenen Botschaft – in Addis Abeba – über das Nachrichtenformular auf der Internetseite Ziel und Dauer meines Aufenthalts zu informieren „dann legen sie sich die Nachricht vielleicht beiseite und vernichten sie, wenn sie nach Ablauf der Zeit nichts von ihnen gehört haben.“ Ich frage noch mal nach: „Wenn ich nach Somaliland reise, bin ich für sie also vom Radar?“ „Sozusagen“, antwortet er.

Jetzt habe ich einen Visa-Stempel im Pass von einem Land, das in meinem Land nicht existiert.

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Ein Gedanke zu “Telefonat mit dem Werderschen Markt

  1. Sehr geehrte Frau Müller,

    mit großem Interesse habe ich Ihre Artikel und Beiträge zu Ihrem Besuch auf der Buchmesse Hargeisa verfolgt. Ich freue mich, dass Sie gut wieder zurück in Deutschland sind.

    Ich bedauere es außerordentlich, dass der Kollege vom Bürgerdienst Sie nicht ganz richtig informiert hat. Krisenvorsorgelisten decken grundsätzlich den gesamten Amtsbezirk einer Auslandsvertretung ab und nicht nur das Land, in dem die Botschaft selbst beheimatet ist. Dann hat der Kollege Sie unglücklicherweise noch an die falsche Auslandsvertretung verwiesen: Zuständig für Somalia – und damit für das international nicht anerkannte „Somaliland“ – ist die die Botschaft Nairobi.

    Hätten Sie sich bei mir gemeldet, wären Sie also keineswegs „vom Radar“ gewesen. Im Gegenteil – ich hätte mich sehr gefreut! Trotz der international nicht gelösten Statusfrage von „Somaliland“ und einiger anderer Probleme haben die dortigen politischen Akteure in den letzten zwanzig Jahren eine erstaunliche Erfolgsgeschichte im Hinblick auf Sicherheit, Stabilität und Demokratisierung geschrieben. Die Bundesregierung arbeitet in enger Abstimmung mit internationalen Partnern und auf Grundlage einer Sondervereinbarung zum „Somalia-Pakt“ von 2013 sehr pragmatisch und vertrauensvoll mit den Behörden in Hargeisa zusammen, um diese Erfolgsgeschichte losgelöst von der Statusfrage fortzuführen.

    Ich freue mich schon auf weitere Blogs von Ihnen und verbleibe
    mit herzlichen Grüßen

    Ihr
    Christian Resch

    amtierender Botschafter für Somalia
    Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Nairobi

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